08.
Mär.
 

 

Ärmste indische Frauen nehmen ihr Leben selbst in die Hand
Geschichten zum Weltfrauentag 2019

 

Eine kleine Gundelfinger Reisegruppe (Anna und Gerda Geretschläger, Annette und Dr. Reinhard Bentler) hat Ende 2018 das Hilfszentrum ´Amalalaya` im Norden der Metropole Mumbai besucht. Hier unterstützt die ´Indienhilfe Wasser ist Leben e.V.` seit 2005 ärmste Slumkinder und Slumfrauen bei Schul- und Berufsausbildungen.

 

In der Nähstube der Bildungsstätte übergeben wir staatlich anerkannte Diplome und Fuß betriebene Nähmaschinen an elf junge Frauen. Sie hatten wenige Tage zuvor die Prüfung im Nähhandwerk erfolgreich abgelegt. Auf der Terrasse der Bildungsstätte empfangen uns etwa zwanzig Frauen, die als selbstständige Näherinnen, Gemüsehändlerinnen, Köchinnen, Kosmetikerinnen, Schmuck-Designerinnen und Taxifahrerinnen bereits mitten im Berufsleben stehen und eigenes Einkommen erwirtschaften. Das notwendige ´Knowhow` hatten sie sich in diesem Zentrum angeeignet.

 

 

Sr. Irene, Leiterin des Hilfszentrums, nimmt uns beim Rundgang durch den Slum mit an einen Imbissstand. Dort bieten ´Ihre` Köchinnen frittierte Gemüsetaschen an. Der Stand ist gut besucht. Wenige Schritte weiter lädt uns eine jüngere Frau in ihre Hütte ein. Neben dem Eingang stehen eine Nähmaschine und eine Leiter. Die Frau zeigt auf das gerahmte Zertifikat an der Wand und berichtet stolz über ihre Nähaufträge, den zugewonnenen Wohnraum im ´Dachgeschoss` und ihre beiden Töchter, die ein College besuchen. Und wieder nur ein paar Schritte weiter werden wir in eine kleine ´Werkstatt` eingeladen, wo zwei Frauen an Hand betriebenen Maschinen im Auftrag einer Firma Metallteile ausstanzen.

 

Dann lernen wir Mrs. Parvati Shanker V. kennen, Mutter von 6 Töchtern, 6 - 20 Jahre alt. Auch sie lädt uns in ihr Häuschen ein. „Mein Mann ist Werkzeugmacher. Wir haben sechs Töchter. Bis vor kurzem habe ich mir noch viele, viele Sorgen und Gedanken über die Zukunft unserer Töchter gemacht. Irgenwann hörte ich dann den Spruch: ´Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt`. Dieser Spruch ließ mich nicht mehr los. Nachdem mir eine Nachbarin von den ´Frauen-Selbsthilfe-Gruppen` unseres Bezirks erzählt hatte, trat auch ich einer Selbsthilfe-Gruppe bei. Das war ´mein` erster Schritt. Hier lernte ich verschiedene Möglichkeiten kennen, Geld zu verdienen und das Geld sinnvoll anzulegen. Schließlich entschied ich mich für den Beruf der Taxifahrerin und nahm Unterricht im Autofahren, in Englisch, Karate, Yoga und in der Herstellung von Kräutern. Nach erfolgreicher Führerscheinprüfung gelang es mir, mit Hilfe eines Mikro-Kredits einen Leihwagen zu erwerben. Inzwischen bin ich Besitzerin eines eigenen 7-Sitzers der Marke Maruthi. Ich habe viele Anfragen von Pilgerinnen und Pilgern. Da ich die vielen Anfragen alleine gar nicht mehr bewältigen kann, werde ich eine Kollegin einstellen. Meine Familie und meine Nachbarn sind stolz auf mich und bewundern, wie sich mein Leben und das Leben meiner Familie geändert hat. Meine beiden ältesten Töchter haben ihr Wirtschaftsstudium abgeschlossen, zwei Töchter besuchen ein College und die beiden jüngsten Mädchen werden im kommenden Schuljahr eingeschult....“

Die Geschichte dieser Frau hat uns nachhaltig berührt.

 

 

Auf einem kleinen Platz ganz in der Nähe begrüßt uns eine Gruppe meist älterer Frauen, umgeben von großen Müllsäcken. „Die Frauen beginnen um 6 Uhr in der Frühe mit der Arbeit. Gegen Mittag bringen sie die vollen Säcke hierher, sortieren den Müll und lassen ihn auswiegen. Eine Recycling- Firma holt den sortierten Müll dann am Abend ab“, Sr. Irene. Die Gruppenleiterin zeigt ein Buch, in dem fein säuberlich Namen der Sammlerinnen, Datum und Gewicht des gesammelten Mülls eingetragen sind.

 

„Am Monatsende ist Zahltag. Jede Frau legt jeden Monat 200 Rupien (ca. 1,50 EURO) auf der Bank an“, sagt die Frau. Voller Verwunderung und mit Hochachtung nehmen wir die Bucheinträge und den Bericht dieser Frau zur Kenntnis. „Saroja hat erst vor wenigen Monaten Schreiben und Rechnen gelernt“, Sr. Irene.

 

 

„Alle Müllfrauen gehören ´Selbst-Hilfe-Gruppen` an. In unserem Bezirk haben sich 350 Frauen verschiedensten Alters und verschiedenster Tätigkeiten in ´Selbst-Hilfe-Gruppen` zusammengeschlossen. Jede Gruppe besteht aus zehn Frauen mit einer gewählten Leiterin. Die Leiterinnen treffen sich regelmäßig zu Schulungen, kümmern sich bei Behörden um lokale Probleme und werden auch tätig bei Familienstreitigkeiten und existentiellen Notlagen. Am ´Welt-Frauen-Tag` laden wir alle Frauen des Bezirks zu Vorträgen ein. Unsere Frauengruppen sind nicht nur lokal, sondern auch überregional mit den Frauengruppen anderer Bezirke Mumbais gut vernetzt“, Sr. Irene.

 

Stolz berichtet Sr. Irene von der ´Mikro-Kreditbank`. „Sie wird von den Selbsthilfe-Gruppen der gesamten Region gemeinsam und in Eigenregie betrieben. Bei Bedarf bekommen die Frauen  einen Kredit zu niedrigem Zins. Viele Frauen haben es bereits zu regelmäßigem Einkommen und  kleinem Wohlstand gebracht ...“

 

Ähnlich wie im Slum Malwani unterstützt ´Wasser ist Leben` ärmste Frauen auch in anderen Hilfszentren. Der Weg nach oben geht stets über Bildung.